Wenn das Lager voll und die Kasse leer ist: Liquiditätsmanagement im saisonalen FMCG-Mittelstand – bevor die Bank anruft!
Ein Beitrag von Interim Manager & DDIM Mitglied Carsten Zaremba für die DDIM.fachgruppe // Food
Zweimal im Jahr entscheidet sich die Liquidität
Wer Saisonkonfekt oder Schokoladenspezialitäten herstellt, kennt den Rhythmus: Im Januar beginnt der Rohstoffeinkauf für das Ostergeschäft. Kakaobutter, Nüsse, Verpackungsmaterialien müssen disponiert, Vorräte aufgebaut, die Produktion hochgefahren werden – Monate bevor die erste Rechnung an den Lebensmitteleinzelhandel gestellt werden kann. Dann folgt kaum eine Atempause, bevor der Aufbau für das Weihnachtsgeschäft startet. Bei typischen saisonalen FMCG-Herstellern entfallen bis zu 50 Prozent des Jahresumsatzes auf wenige Wochen im Herbst.
Die betriebswirtschaftliche Konsequenz ist eine Liquiditätskurve, die wenig mit dem Ergebnis der GuV zu tun hat: Hohe Bestände, noch keine Forderungen, laufende Personalkosten – und ein Kontokorrent, das strukturell an seine Grenzen stößt.
Factoring hilft hier nicht weiter
In vielen Branchen ist Factoring ein wirksames Instrument zur Liquiditätsbeschleunigung. Im saisonalen FMCG-Geschäft greift es zu kurz. Das Problem: Forderungen entstehen erst nach Lieferung – also erst dann, wenn der finanzielle Engpass bereits eingetreten ist. Den Bestandsaufbau selbst, die teuerste Phase, kann Factoring nicht finanzieren.
Hinzu kommt die Marktmacht des Handels. Anzahlungen oder verkürzte Zahlungsziele sind in der Praxis kaum durchsetzbar. Wer als mittelständischer Hersteller gegenüber einem der großen Lebensmitteleinzelhändler sitzt, verhandelt nicht auf Augenhöhe. Das Zahlungsziel ist gesetzt – und liegt selten unter 30 Tagen.
Die eigentliche Lösung: Struktur vor Instrument
Ein mittelständischer Hersteller von Saisonartikeln – Jahresumsatz im zweistelligen Millionenbereich, Schwerpunkt Confiserie – stand genau vor dieser Situation. Die Hausbank hatte das Kontokorrent mehrfach temporär erhöht: ad hoc, reaktiv, ohne Systematik. Eine strukturierte Lösung fehlte. Der eigentliche Hebel lag nicht in einem neuen Finanzprodukt, sondern in der Finanzierungsstruktur selbst.
Die Antwort: eine dedizierte Saisonlinie zur Bestandsfinanzierung, klar getrennt vom laufenden Kontokorrent. Die Logik dahinter ist einfach – in der Praxis aber oft nicht umgesetzt: Kurzfristige Spitzen gehören auf eine kurzfristige Linie, die sich mit dem Lagerabbau nach der Saison selbst zurückführt. Die Universalkreditlinie bleibt damit für das operative Geschäft verfügbar und wird nicht durch saisonale Bestandsspitzen blockiert.
Wann braucht man eine neue Bank – und wie findet man sie?
Nicht jede Hausbank versteht das saisonale Geschäftsmodell eines Lebensmittelherstellers. Wer feststellt, dass Gespräche über Saisonlinien regelmäßig in Misstrauen oder pauschalen Risikoaufschlägen enden, sollte die Bankverbindung überdenken – nicht aus Trotz, sondern aus strategischer Vernunft.
Genossenschaftsbanken und Sparkassen mit regionaler Verwurzelung und Branchenerfahrung im Agrar- und Lebensmittelsektor sind häufig bessere Partner als Großbanken, die das Geschäftsmodell aus einer Risikomatrix heraus beurteilen. Förderprogramme der KfW oder der Landesförderinstitute werden von diesen Instituten oft proaktiv eingebracht.
Der entscheidende Faktor beim Bankwechsel oder bei der Erweiterung der Bankverbindung: die Qualität der vorgelegten Unterlagen. Banken vergeben keine Linien auf Basis von Sympathie. Was überzeugt, ist eine belastbare integrierte Unternehmensplanung – GuV, Bilanz und Cashflow auf Monatsbasis, mit expliziter Darstellung der saisonalen Liquiditätskurve. Ergänzt wird das durch einen 13-Wochen-Liquiditätsforecast für die kritische Aufbauphase und eine klare Darstellung, wie und wann die Saisonlinie zurückgeführt wird.
Was qualifizierte Unterlagen leisten
Gut aufbereitete Bankunterlagen sind kein bürokratischer Aufwand – sie sind ein Kommunikationsinstrument. Sie zeigen dem Kreditentscheider: Dieses Unternehmen hat sein Geschäftsmodell verstanden, kennt seine Risiken und hat Maßnahmen implementiert.
Konkret sollten professionelle Bankunterlagen enthalten: eine Beschreibung des Geschäftsmodells mit explizitem Hinweis auf die Saisonalität, eine monatsgenaue integrierte Planung für das laufende und das Folgejahr, eine Darstellung der Bestandsentwicklung und des geplanten Linienbedarfs sowie eine Sensitivitätsbetrachtung – was passiert, wenn die Saison schwächer läuft als geplant?
Ein häufiger Fehler in der Praxis: Geschäftsführer legen ihren Steuerberaterabschluss vor und erwarten eine schnelle Entscheidung. Was Banken wirklich wollen, ist Planungskompetenz – der Beweis, dass das Management weiß, was in den nächsten Monaten passiert, und nicht erst reagiert, wenn das Konto ausgeschöpft ist.
Frühzeitig handeln – nicht wenn der Druck kommt
Die wichtigste Erkenntnis aus der Praxis: Banken strukturieren gerne um, wenn es dem Unternehmen gut geht. Sie tun es ungern, wenn der Druck schon spürbar ist. Wer seine Saisonlinie in einer komfortablen Phase beantragt und mit soliden Unterlagen untermauert, verhandelt in einer völlig anderen Position als derjenige, der im Juli mit einem halb leeren Kontokorrent und einem vollen Lager zum Bankgespräch erscheint.
Liquiditätsmanagement im saisonalen FMCG-Mittelstand ist kein Krisenthema. Es ist Führungsaufgabe – und zwar das ganze Jahr.
Carsten Zaremba ist Interim Manager für Finanzen, Controlling und Turnaround im produzierenden Mittelstand. Seit 2017 unterstützt er als Interim CFO und zertifizierter Restrukturierungs- und Sanierungsberater (IfUS) mittelständische Unternehmen in komplexen Wachstums-, Transformations- und Krisensituationen. Seine Branchenschwerpunkte liegen in FMCG / Food, Maschinenbau und erneuerbaren Energien. Er ist Mitglied der DDIM.fachgruppe // Food.
In den DDIM.fachgruppen haben sich Mitglieder zusammengeschlossen, die in gleichen Branchen und Funktionen oder an vergleichbaren Aufgabenstellungen und Sonderthemen arbeiten. Die Mitglieder sind auf ihren Gebieten Experten, sie tauschen ihr Wissen und ihre Erfahrungen aus. Eines ihrer Ziele ist es, das Interim Management in den einzelnen Disziplinen bekannter zu machen sowie mehr Nähe zur Industrie, zu Verbänden und zu Fachmedien herzustellen.
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