KI im Unternehmen: Wenn mehr Intelligenz noch keine bessere Organisation bedeutet
Ein Thema, zwei Perspektiven auf die Arbeit von Menschen und KI in der Organisation | Ein Beitrag von Tanja Magnus und Suat Akyol für die DDIM.fachgruppe // Digitale Transformation & KI
Die Diskussion über Künstliche Intelligenz in Unternehmen beginnt meist bei der Arbeit: Welche Tätigkeiten lassen sich automatisieren, welche Rollen verändern sich, welche Kompetenzen werden gebraucht, wie groß ist das Produktivitätspotenzial? Das sind berechtigte Fragen, aber sie zeigen nur einen Ausschnitt der Veränderung.
Ein Unternehmen funktioniert nicht, weil einzelne Menschen einzelne Tätigkeiten ausführen. Es funktioniert, weil diese Tätigkeiten in einem Zusammenhang stehen. Menschen interpretieren Informationen, erkennen Abhängigkeiten, stimmen sich ab, wägen Zielkonflikte gegeneinander ab und reagieren auf Situationen, die in keiner Prozessbeschreibung vollständig vorgesehen waren. Ein erheblicher Teil dieser Integrationsleistung ist vorhanden, ohne dass sie irgendwo beschrieben wäre. Je mehr KI Informationen analysiert, priorisiert, verdichtet, Entscheidungen vorbereitet oder innerhalb gesetzter Grenzen selbst handelt, desto sichtbarer wird, was bisher als selbstverständlich galt.
Genau an dieser Stelle treffen zwei Perspektiven aufeinander: die systemische Frage, was eine Organisation eigentlich zusammenhält, und die praktische Erfahrung, was sich verändert, wenn Menschen täglich mit KI-Systemen zusammenarbeiten. Die praktischen Beobachtungen stammen aus einer Organisation, in der Menschen und KI-Mitarbeiter das bereits tun: mit Rollen, Aufträgen, Abnahmen, einem gemeinsamen Whiteboard und einem offenen Fehlerlog. Sie zeigen, dass KI nicht nur die Arbeit selbst verändert, sondern auch die Arbeit zwischen Menschen.
1. Organisation ist mehr als ihre formale Struktur
Tanja Magnus: Der systemische Blick
Unternehmen haben gute Gründe, ihre Realität in Strukturen zu zerlegen. Organigramme ordnen Verantwortung, Prozesse beschreiben Abläufe, Kennzahlensysteme verdichten Beobachtungen, ERP-Systeme speichern Geschäftsvorfälle und Zustände, Richtlinien definieren Verfahrensweisen und Grenzen. Keine dieser Sichten ist falsch. Keine beschreibt für sich allein das Unternehmen.
Im Arbeitsalltag werden die Ausschnitte fortlaufend miteinander verbunden. Ein einzelner Vorgang kann zugleich einen Kunden, eine Leistung, eine Ressource, ein Risiko, einen Vertrag und eine finanzielle Wirkung betreffen. Organisatorisch liegen diese Perspektiven vielleicht in verschiedenen Bereichen, in ihrer Wirkung bleiben sie verbunden. Menschen stellen diese Verbindung her, oft ohne dass ihnen das je als Aufgabe zugewiesen wurde: Sie kennen Vorgeschichten, erkennen Sonderfälle, holen fehlende Informationen ein oder informieren jemanden, der im formalen Ablauf erst später an der Reihe wäre.
Die Aufgabe unter KI-Bedingungen besteht deshalb nicht darin, künftig alles zu formalisieren. Sie besteht darin, genauer zu unterscheiden: Welche Zusammenhänge kann menschliches Urteil weiterhin tragen, und welche müssen für automatisierte oder teilautomatisierte Entscheidungen eindeutiger beschrieben werden?
Suat Akyol: Der Blick aus der gelebten KI-Praxis
Dazu kommt ein sehr praktisches Problem: Auch die formale Ordnung selbst altert. Organigramme, Prozessbeschreibungen und Dokumentationen bilden nicht immer den tatsächlichen Stand ab, und entscheidendes Wissen liegt häufig nur in den Köpfen einzelner Beschäftigter. Wie abhängig eine Organisation davon ist, zeigt sich spätestens, wenn ein erfahrener Mitarbeiter das Unternehmen verlässt. Wer Wissen bei einem Personalabbau sichern soll, kennt das Gefühl, hinterherzuhinken.
Hier liegt eine Chance in KI. Sie kann helfen, Erfahrungswissen früher festzuhalten, Arbeitszusammenhänge zu dokumentieren und Wissen verfügbar zu halten, das bisher nur informell weitergegeben wurde. Die entscheidende Frage lautet dann nicht, wie viel ein Unternehmen automatisiert hat, sondern: Was funktioniert noch, wenn der bisherige Wissensträger nicht verfügbar ist? Die Antwort zeigt meist sehr schnell, wo formale Organisation und tatsächliche Arbeitsrealität auseinanderliegen.
2. Verdichtung schafft Klarheit und kann zugleich etwas verlieren
Tanja Magnus: Information ist noch kein Zusammenhang
Unternehmen verfügen heute über große Datenmengen, und KI erweitert die Möglichkeit, Dokumente auszuwerten, Informationen zusammenzufassen und in kurzer Zeit plausible Antworten zu erzeugen. Damit verschiebt sich der Engpass: Informationen zu finden wird einfacher, zu beurteilen, welche Information für eine konkrete Entscheidung relevant, belastbar und ausreichend ist, bleibt anspruchsvoll.
Das gilt ebenso für Kennzahlen. Eine durch KI um 30 Prozent verkürzte Bearbeitungszeit kann eine reale Verbesserung sein. Sie kann aber auch bedeuten, dass eine Prüfschleife entfallen ist, die bislang Fehler abgefangen hat, oder dass der zusätzliche Durchsatz einen Engpass nur an eine andere Stelle verschiebt. Die Kennzahl misst trotzdem korrekt, was sie messen soll. Problematisch wird sie erst, wenn sie stellvertretend für einen größeren Zusammenhang verwendet wird, den sie nicht beschreibt.
Suat Akyol: Nicht jede Redundanz ist Verschwendung
In der täglichen Arbeit mit KI zeigt sich eine verwandte Falle beim Zusammenfassen. Eine gute Zusammenfassung behält die Essenz und lässt Details weg, genau darin liegt ihr Nutzen. Verloren gehen kann dabei aber gerade das Detail, auf das es später ankommt, und Einzelheiten müssen dann nachgetragen werden.
Für Unternehmen folgt daraus ein Gedanke, der auf den ersten Blick gegen jede Effizienzlogik steht: Nicht jede Redundanz ist unnötig. Das zweite Augenpaar, die doppelte Prüfung oder die ausführliche Fassung neben der Managementzusammenfassung sind oft bewusst eingebaute Sicherungen. Wer mit KI verdichtet, sollte deshalb nicht nur fragen, was wegfallen kann, sondern auch, welche Wiederholung oder zusätzliche Perspektive bisher eine Schutzfunktion erfüllt hat. Wer verdichtet, muss wissen, welche Redundanz gewollt war, sonst spart er an der Stelle, die einen Fehler abgefangen hätte. Effizienz entsteht nicht dadurch, dass jedes scheinbar doppelte Element entfernt wird.
3. KI verändert, was Aufmerksamkeit erhält
Tanja Magnus: Auswahl ist bereits Einfluss
Kein Unternehmen kann alle verfügbaren Informationen gleichzeitig bearbeiten. Aufmerksamkeit ist begrenzt, deshalb wählen Organisationen aus, verdichten und priorisieren. Sobald KI an dieser Auswahl beteiligt ist, verändert sie mehr als den Arbeitsaufwand. Welche Abweichung sieht eine Führungskraft zuerst? Welcher Kunde gilt als gefährdet? Welcher Servicefall bekommt Vorrang, bei welchem Projekt wird eine Eskalation empfohlen? Ein System beeinflusst damit, welche Ausschnitte der Realität sichtbar und damit entscheidungsrelevant werden.
Das kann ein erheblicher Vorteil sein, denn KI erkennt Muster, die Menschen bei großen Datenmengen kaum noch wahrnehmen. Entscheidend bleibt jedoch die Logik der Auswahl. Ein System, das Kunden ausschließlich nach Umsatzpotenzial priorisiert, erzeugt eine andere Realität als eines, das zusätzlich Vertragsrisiken, Kapazitätsbedarf und Kundenbeziehung berücksichtigt. Technische Leistungsfähigkeit beantwortet nicht die Frage, was wichtig ist. Diese Frage bleibt organisatorisch.
Suat Akyol: Eine ausdrücklich gesetzte menschliche Priorität bleibt stehen
Im praktischen Einsatz zeigt sich dieser Effekt schon bei etwas so Einfachem wie einer Aufgabenliste. Ein KI-Assistent kann priorisieren, aufräumen und verdichten. Das entlastet spürbar und verschiebt still das Bild vom eigenen Tag. In der Praxis verschwindet dabei auch mal ein Punkt, den der Mensch bewusst selbst gesetzt hatte.
Daraus lässt sich eine allgemeine Regel ableiten: Maschinelle Priorisierung sollte eine ausdrücklich gesetzte menschliche Priorität nicht stillschweigend überschreiben. Das gilt unabhängig davon, ob eine Assistenzfunktion, ein Stab oder ein KI-System priorisiert. Wenn ein Mensch etwas bewusst als relevant markiert, ist das selbst eine Information und sollte auch so behandelt werden.
4. Wenn Eindeutigkeit nur plausibel ist
Tanja Magnus: Präzision löst keine unpräzise Frage
Gute Systeme erzeugen häufig sehr klare Ergebnisse. Eine Wahrscheinlichkeit wird berechnet, ein Vorgang klassifiziert, eine Variante empfohlen. Das Ergebnis kann präzise aussehen und trotzdem auf einer Situation beruhen, die wirtschaftlich nicht eindeutig ist.
Ein Auftrag kann aus Vertriebssicht attraktiv sein und zugleich eine problematische Kapazitätsbindung erzeugen. Ein günstiger Einkaufspreis kann später Qualitätskosten auslösen. Eine technisch fertiggestellte Leistung muss vom Kunden noch nicht anerkannt sein. Diese Perspektiven widersprechen sich nicht zwangsläufig, sie beschreiben verschiedene Teile desselben Zusammenhangs. Schwierig wird es, wenn eine Perspektive zur vollständigen Wirklichkeit erklärt wird. Die Unsicherheit liegt dann womöglich nicht im Modell, sondern schon in der Frage, ob der richtige Gegenstand bewertet wurde. Ein präzises Ergebnis auf eine unpräzise Frage bleibt ein unpräzises Führungsergebnis.
Suat Akyol: Offene Fragen dürfen offen bleiben
Aus der täglichen Arbeit mit KI kommt eine zweite Beobachtung dazu. Menschen haben ein Gefühl für Unsicherheit. Sie wissen, wann eine Zahl noch eine Schätzung ist, und sie sagen es, wenn die Kultur es erlaubt. Unsicherheit zu navigieren, ohne sie wegzureden, ist eine Führungsqualität. Menschen können Unsicherheit eine Zeit lang aushalten. Sie sammeln weitere Informationen, denken über einen Sachverhalt nach und lassen eine Frage offen, bis sich ein belastbares Bild ergibt. Gerade erfahrene Führungskräfte kennen die Situation, in der sie noch nicht sagen können, was richtig ist, aber schon wissen, dass eine schnelle Antwort ein Fehler wäre. Das berühmte „keeps me up at night“ ist keine Störung, sondern Arbeit an einer offenen Frage.
KI erzeugt dagegen auch auf unklare Fragen sofort eine sprachlich saubere Antwort. Unsicherheit ist bei ihr inhärent, aber sie zeigt sich nicht als Zögern, sondern als sauber formuliertes Ergebnis, im Zweifel als Pseudogenauigkeit, bis hin zum Halluzinieren. Sich darauf zu verlassen oder argumentativ darauf zu bauen, wäre kein guter Arbeits- oder Führungsstil. Hilfreicher als Misstrauen ist eine einfache Vereinbarung: Wo eine Angabe den Besitzer wechselt, wird sie geprüft.
Für Organisationen folgt daraus eine zweite Anforderung: Nicht jede offene Frage muss sofort geschlossen werden. Eine professionelle Organisation braucht einen legitimen Zustand für ungeklärte Sachverhalte, und Unsicherheit sollte benannt werden dürfen, ohne als Schwäche oder als mangelnde Entscheidungsfähigkeit zu gelten. Manchmal besteht gute Arbeit gerade darin, eine Frage so lange offen zu halten, bis genügend Evidenz vorhanden ist. Die Maschine kennt dieses Nachreifen nicht. Sie hält Unsicherheiten genauso lange oder kurz wie Gewissheiten, ohne unruhige Nächte, aber auch ohne dass eine Frage in ihr reift. Umso wichtiger ist, dass die stillen Ausgleichsleistungen der Menschen einen Ort haben, an dem sie sichtbar werden, bevor sie fehlen.
5. Nicht Mensch oder KI, sondern Mensch-KI-System
Tanja Magnus: Entscheidend ist die Funktionsverteilung
Die Frage, ob ein Mensch oder eine KI eine bestimmte Tätigkeit besser ausführt, ist meist zu eng gestellt. In Unternehmen entsteht Leistung selten isoliert: Ein System analysiert, ein Mensch beurteilt, ein anderes System setzt um, ein Fachbereich kontrolliert die Wirkung, und eine Führungskraft verantwortet die Entscheidung. Entscheidend ist deshalb nicht allein die Leistungsfähigkeit des einzelnen Akteurs, sondern das Zusammenspiel.
Besonders relevant ist die Grenze zwischen Empfehlung und Entscheidung. Wenn ein System eine Entscheidung so weit vorbereitet, dass der Mensch faktisch nur noch bestätigt, bleibt dessen formale Entscheidungskompetenz unverändert. Seine tatsächliche Rolle hat sich trotzdem verändert. Mit zunehmender Autonomie braucht es deshalb keinen Verzicht auf Verantwortung, sondern eine präzisere Bestimmung des Handlungsraums: Welche Zielgröße soll verbessert werden, welche Grenzen gelten, welche Fälle dürfen automatisiert verarbeitet werden, wo ist menschliche Beurteilung erforderlich, und woran wird später festgestellt, ob die beabsichtigte Wirkung eingetreten ist? Verantwortet werden muss nicht jede einzelne maschinelle Aktion. Verantwortet werden muss der Raum, in dem sie stattfinden darf.
Suat Akyol: Handlungsräume können wachsen
In der Praxis müssen solche Grenzen nicht dauerhaft an derselben Stelle bleiben. Ein KI-System kann zunächst lesen, strukturieren und vorbereiten. Später kommen weitere Handlungsmöglichkeiten hinzu, wenn sich der Einsatz bewährt hat und geeignete Kontrollen vorhanden sind. Der entscheidende Punkt ist, dass dieser Übergang bewusst geschieht.
Ein Bild dafür sind Fahrerassistenzsysteme. Stufe für Stufe ging Verantwortung an die Maschine über, bis zum Fahrzeug ohne Lenkrad, in dem der Mensch nur noch einen Notstopp hat. Im Unternehmen könnte es ähnlich kommen: Was heute menschliches Urteil verlangt, gilt morgen vielleicht als Routine, sobald das Vertrauen gewachsen ist. Zwei Dinge bleiben dabei beim Menschen, die Entscheidungshoheit darüber, wo die Grenze gerade liegt, und der Notstopp dort, wo großer Schaden entstehen kann.
Autonomie ist damit keine einmalige Entscheidung zwischen Ja und Nein, sie lässt sich schrittweise erweitern. Was sich unter kontrollierten Bedingungen bewährt, bekommt mehr Handlungsspielraum. Was hohe Schadenswirkung entfalten könnte oder sich schwer rückgängig machen lässt, braucht stärkere Grenzen. Beschreiben lässt sich dieser Handlungsraum mit wenigen Vereinbarungen, die jeder Betrieb kennt: Lesen und Vorbereiten ist unkritisch, Verändern und Versenden braucht eine Freigabe, Unumkehrbares bleibt ausgeschlossen, und wer etwas gebaut hat, prüft es nicht selbst. Das Vier-Augen-Prinzip schließt hier eine Maschine ein. Solche Grenzen sind Schutz vor versehentlicher Fehlleistung, und sie lassen sich nur bewusst umgehen, wenn ein Mensch die Verantwortung dafür übernimmt.
Die interessante Führungsfrage lautet dann nicht nur, was die KI heute darf, sondern auch: Welche Evidenz brauchen wir, damit wir ihr morgen verantwortet mehr Handlungsspielraum geben können?
6. Schneller ist nicht automatisch wirksamer
Tanja Magnus: Lokale Verbesserung kann an anderer Stelle Kosten erzeugen
Automatisierung verändert Geschwindigkeit und Skalierbarkeit, und damit verändern sich auch Fehler. Eine ungeeignete Priorisierungslogik wird nicht gelegentlich, sondern konsequent angewendet. Ein systematischer Fehler kann eine große Zahl von Fällen betreffen, bevor seine Wirkung sichtbar wird.
Dasselbe gilt für Produktivität. Wenn eine Tätigkeit statt 30 Minuten nur noch zehn Minuten braucht, ist zunächst eine reale Verbesserung entstanden. Ob daraus wirtschaftlicher Nutzen folgt, hängt davon ab, ob tatsächlich Kapazität frei wird, ob an anderer Stelle zusätzlicher Aufwand entsteht und wofür die gewonnene Kapazität eingesetzt wird. Mehr Output ist ebenfalls nicht automatisch mehr Wirkung: Mehr Angebote helfen wenig, wenn daraus Verpflichtungen entstehen, die sich nicht tragfähig erfüllen lassen, und schnellere Softwareentwicklung kann Test und Integration zum neuen Engpass machen. Viele KI-Business-Cases werden dort bewertet, wo die Technologie eingesetzt wird. Die wirtschaftliche Wirkung kann an einer ganz anderen Stelle entstehen.
Suat Akyol: Geschwindigkeit braucht sichtbare Fehler
Wenn Arbeit schneller wird, müssen Fehler ebenso schnell sichtbar werden können. Wer mit KI schneller wird, bekommt auch schnell mehr Fehler; das ist kein Makel, sondern der Arbeitsmodus. Fehler sind Teil des Systems. Was gemanagt werden muss, ist das Risiko ihrer Auswirkungen, nicht ihr Vorkommen. Entscheidend ist, dass Abweichungen offen auf dem Tisch liegen, bevor sie skalieren, und dass ihre Korrektur ein selbstverständlicher Teil der Arbeit ist. Der Gewinn an Geschwindigkeit ist erst dann einer, wenn auch der Weg zum Ergebnis regelmäßig geprüft wird und nicht nur das Ergebnis selbst.
Dabei lohnt ein Blick auf Kennzahlen. Wer im Konzern gearbeitet hat, kennt Dashboards, die immer grün waren, und alle wussten, ein Dashboard, das immer grün ist, erfüllt seinen Zweck nicht. In vielen Unternehmen existiert ein sozialer Druck, möglichst grün zu berichten, weil ein roter Status als persönliches oder organisatorisches Versagen gelesen wird. Damit verliert die Kennzahl einen Teil ihrer Informationsfunktion. Für eine lernende Mensch-KI-Arbeitsorganisation wäre das Gegenteil hilfreicher: Eine Kennzahl, die Rot zeigen darf, erfüllt ihren Zweck besser als eine, die immer Grün sein muss. Nicht die Abweichung ist das Problem. Problematisch wird sie, wenn sie nicht sichtbar werden darf.
7. Was KI an Führung verändert
Tanja Magnus: Führung verlagert sich
Führung bestand nie nur darin, Entscheidungen zu treffen. Sie bestand immer auch darin, festzulegen, was Aufmerksamkeit erhält, welche Ziele verfolgt werden, welche Unsicherheit akzeptiert wird und wann eingegriffen werden muss. KI kann bei all diesen Aufgaben unterstützen und operative Schritte übernehmen. Die Führungsaufgabe verschwindet dadurch nicht, sie verlagert sich.
Je mehr ein System selbst erkennen, priorisieren und handeln kann, desto wichtiger wird die Qualität des Rahmens, in dem es das tut. Führung muss dann weniger jeden einzelnen Verarbeitungsschritt kontrollieren und stärker verstehen, welche Logik durch die Verarbeitung wirksam wird. Das betrifft auch das Selbstbild der Organisation: Wenn ein Unternehmen sich überwiegend über einzelne Funktionen und lokale Effizienzgrößen betrachtet, wird es seine KI-Systeme wahrscheinlich ebenfalls innerhalb dieser Ausschnitte optimieren. Eine technisch intelligentere Organisation ist deshalb nicht automatisch eine Organisation, die sich selbst besser versteht.
Suat Akyol: KI-Arbeit verändert auch menschliches Verhalten
Die tägliche Zusammenarbeit mit KI hat noch einen weniger offensichtlichen Effekt. Ein technisches System hat kein persönliches Statusinteresse daran, einen Fehler zu verteidigen. Ein festgestellter Fehler wird einfach korrigiert. Menschen funktionieren anders: Kritik kann als persönliche Bewertung ankommen, Fehler sind mit Status, Verantwortung oder Rechtfertigungsdruck verbunden.
Interessant ist deshalb die Frage, ob regelmäßige Mensch-KI-Arbeit auch unsere Erwartungen an menschliche Zusammenarbeit verändert. Wer sich daran gewöhnt, Probleme unmittelbar zu benennen und anschließend direkt an der Lösung zu arbeiten, verlernt die Verärgerung als Führungsreflex und nimmt diese Haltung mit in die Gespräche mit Menschen. Das bedeutet nicht, menschliche Beziehungen wie technische Systeme zu behandeln, im Gegenteil: Menschen brauchen Empathie, Kontext und Vertrauen. Aber vielleicht verändert KI gerade dadurch Führung. Sie macht sichtbarer, wie viel Energie Organisationen darauf verwenden, Fehler zu erklären oder abzuwehren, und wie viel produktiver es sein kann, sie zunächst als Information zu behandeln.
Führung wird damit weniger Kontrolle und mehr konstruktive Übersetzung. Die meisten Menschen müssen die Komplexität hinter der KI nicht sehen, sie brauchen den Nutzen in ihrer eigenen Sprache. Wer etwas versteht, der erzeugt Wert, wenn es beim anderen zielgruppengerecht ankommt.
Mehr Intelligenz reicht nicht
Beide Perspektiven führen am Ende zu derselben Frage. KI erweitert die Möglichkeiten von Unternehmen erheblich: Sie erschließt Wissen schneller, erkennt Muster, reduziert Routinearbeit, unterstützt Entscheidungen und ermöglicht neue Formen von Leistung. Aber sie trifft auf Organisationen, die zu einem erheblichen Teil davon leben, dass Menschen Kontext herstellen, Unsicherheit bewerten, Zusammenhänge erkennen und informelle Lücken schließen.
Nicht alles davon muss formalisiert werden, und nicht alles sollte automatisiert werden. Aber Organisationen sollten wissen, wo sie bisher stillschweigend auf diese menschliche Integrationsleistung angewiesen waren. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr nur, wo sich KI einsetzen lässt. Wichtiger wird: In welchen Zusammenhang greift sie ein, welche Wirkung soll dort entstehen, und woran erkennen wir, ob diese Wirkung eingetreten ist?
Aus der systemischen Perspektive führt das zu einer präziseren Gestaltung von Verantwortung, Zielgrößen, Grenzen und wirtschaftlichen Zusammenhängen. Aus der praktischen Mensch-KI-Erfahrung kommt etwas hinzu: Handlungsräume können wachsen, offene Fragen dürfen offen bleiben, Fehler müssen sichtbar sein, und vermeintliche Ineffizienzen können wichtige Schutzfunktionen erfüllen.
Eine Organisation kann technisch intelligenter werden und wirtschaftlich trotzdem nicht klüger handeln. Mehr Intelligenz ist deshalb noch keine bessere Organisation. Entscheidend ist, ob Menschen und KI in einem Zusammenhang arbeiten, den die Organisation selbst versteht.
Dr.-Ing. Suat Akyol ist Interim Manager für technische Mittelständler und mittelständisch geführte Konzerntöchter. Nach Promotion und Lehre an der RWTH Aachen in Künstlicher Intelligenz und Mensch-Maschine-Systemen folgten 18 Jahre Industrie in mehreren Stationen: Healthcare IT, erneuerbare Energien und internationale Führungsrollen bei 3M. Heute verbindet er Menschen und Technik und setzt KI-gestützte Arbeitsarchitekturen in seinen Mandaten täglich selbst produktiv ein.
Tanja Magnus ist Finanzarchitektin, Controllerin und Interim Managerin mit mehr als 30 Jahren Erfahrung in Finance, Controlling und Unternehmenssteuerung. Sie begleitet internationale Unternehmen in Finance-Transformationen, SAP-/S/4HANA-Projekten, Reorganisationen und komplexen Steuerungsfragen. Sie ist Entwicklerin von REAL EFM, einer integrierten Architektur für wirtschaftliche Realität und Steuerung unter KI-Bedingungen.
In den DDIM.fachgruppen haben sich Mitglieder zusammengeschlossen, die in gleichen Branchen und Funktionen oder an vergleichbaren Aufgabenstellungen und Sonderthemen arbeiten. Die Mitglieder sind auf ihren Gebieten Experten, sie tauschen ihr Wissen und ihre Erfahrungen aus. Eines ihrer Ziele ist es, das Interim Management in den einzelnen Disziplinen bekannter zu machen sowie mehr Nähe zur Industrie, zu Verbänden und zu Fachmedien herzustellen.
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