Master Data als lokale Antwort auf ein globales Problem – geht das überhaupt?
Ein Beitrag von DDIM Interim Managerin Vera Schmidt für die DDIM.fachgruppe // Projekt- und Programm-Management
Master Data als lokale Antwort auf ein globales Problem – geht das überhaupt?
Spoiler: “Ja, aber” heißt die richtige Antwort.
Diesmal andersrum
Ich bin Interim Manager, der/die/das nebenbei promoviert. Ich bringe Wissen aus der Wissenschaft in die Praxis: das ist mein Ding, das ist meine Richtung, das beflügelt mich. Aber manchmal dreht sich der Spieß um.
Vor Kurzem hatte ich die Gelegenheit, einen generalisierten Fall aus meiner Projekterfahrung an MBA-Studierende der VU Amsterdam zu geben. Kein frischer Absolvent-Jahrgang, denn MBAs bringen Erfahrung mit. Eigene Projekte, eigene Narben, eigene Muster, Anekdote (nicht als Plural von “Data” zu verstehen) und auch wohlverdiente graue Haare. Ich dachte: interessant, mal sehen was passiert.
Was passiert ist, hat mich ehrlich überrascht.
Derselbe Fall. Völlig andere Lösungen.
Das Szenario war generisch gehalten: Ein mittelständischer Industriehersteller, international aufgestellt, eine Systemlandschaft, die über Jahre gewachsen ist. Man schreibt „organisch“, man buchstabiert “C wie Caesar H wie Heinrich A wie Anton O wie Otto T wie Theodor I wie Ida S wie Samuel“. ERP hier, Excel dort, Abakus dazwischen. Doppelte Buchführung (und nicht wie man es will), doppelte Kundenstämme, inkonsistente Stücklisten, niemand der zuständig ist.
Ein klassisches Stammdatenproblem. Oder?
Die Gruppen haben denselben Fall gelesen und völlig unterschiedliche Probleme darin gesehen. Die einen sahen ein IT-Projekt. Die anderen eine Governance-Frage. Wieder andere erkannten sofort das Wachstumsproblem nach einer Akquisition: “Wer hat eigentlich wen hier gekauft?” Und einige landeten direkt beim Klassiker: kurz vor ERP-Einführung, alles muss plötzlich sauber sein.
Alle lagen richtig. Keine Lösung war falsch.
Das war das eigentliche Problem.
Was mich wirklich überrascht hat: nicht die Varianz in den Lösungen, sondern der gemeinsame blinde Fleck dahinter. Fast jede Gruppe startete mit einer Variante von: „Bei uns war das genauso.“
Und genau da beginnt die Verzerrung. Nicht aus Unwissenheit, sondern aus Erfahrung. Je mehr jemand schon gesehen hat, desto sicherer ist er, das Muster zu erkennen. Und desto schneller übersieht er die Dimensionen, die nicht in seinem Rucksack stecken.
Wer Stammdaten vor allem aus ERP-Projekten kennt, liest jeden Fall als Datenmigrationsproblem. Wer mal eine Compliance-Katastrophe erlebt hat, sieht sofort das Haftungsrisiko. Wer durch eine Fusion gegangen ist, erkennt das Wachstumschaos. Alle haben recht, aber limitiert und bedingt.
Das Grundproblem aber ist größer: Globale Datenlogik trifft auf lokale Entscheidungshoheit. Die Kosten eines Fehlers trägt selten derjenige, der ihn verursacht hat. Ein schlecht angelegter Datensatz im Vertrieb in Spanien blockiert die Produktion in Bangladesch. Stammdatenmanagement ist kein Nischenthema, sondern die lokale Manifestation eines globalen Koordinationsproblems und es sieht je nach Standpunkt völlig anders aus.
Was ich mitgenommen habe
Ich bin als Case-Lieferant in den Raum gegangen und ich bin als Lernender rausgekommen. Denn was die MBA-Session mir gezeigt hat, bestätigt etwas, das ich aus der Praxis kenne, aber selten so klar sehe: Die gefährlichste Annahme in einem Stammdatenprojekt ist nicht Unwissenheit. Es ist die Gewissheit, das Problem schon zu kennen und direkt zu Lösung springen zu wollen. Wer nur eine Dimension des Problems beleuchtet, baut eine Lösung für seinen eigenen Fall, nicht für den, der vor ihm liegt. Oder anders gesagt: sucht da, wo es hell ist, nicht wo man es verloren hat.
Dieser Beitrag ist Teil einer Serie gemeinsam mit Hendrik Hobbhahn, Michael Assmann und der DDIM.fachgruppe // Projekt- und Programm-Management, in der wir unterschiedliche Aspekte im Spannungsfeld von Digitalisierungsprojekten aus der Perspektive von Interim Managern aufnehmen.
Vera Schmidt, Interim-Projektmanagerin mit über 10 Jahren Erfahrung im Operations- und Projektmanagement, beleuchtet in ihrem Beitrag die oft unterschätzte Planungsphase eines Projekts. Mit besonderem Fokus auf Change Management und Digitalisierung betont Schmidt, wie entscheidend diese Phase für den Projekterfolg ist. Sie zeigt auf, wie durch sorgfältige Planung und Einführung von Routinen unliebsame Überraschungen vermieden und Projekte optimal vorbereitet werden können. Lesen Sie, warum eine gründliche Planung die Grundlage für erfolgreiche Projekte legt und wie Sie selbst in unsicheren Rahmenbedingungen klare Ziele definieren.
In den DDIM.fachgruppen haben sich Mitglieder zusammengeschlossen, die in gleichen Branchen und Funktionen oder an vergleichbaren Aufgabenstellungen und Sonderthemen arbeiten. Die Mitglieder sind auf ihren Gebieten Experten, sie tauschen ihr Wissen und ihre Erfahrungen aus. Eines ihrer Ziele ist es, das Interim Management in den einzelnen Disziplinen bekannter zu machen sowie mehr Nähe zur Industrie, zu Verbänden und zu Fachmedien herzustellen.
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